Wenn ein Mensch zu früh erklärt wird 

Es gehört zu den stilleren Kränkungen des Alltags, zu früh erklärt zu werden. Ein Mensch zeigt einen Ausschnitt von sich, und schon entsteht daraus ein ganzes Urteil. Ein Ton wird zum Wesen, eine Geste zur Haltung, eine Schwäche zum Charakter. Nichts daran ist neu. Und doch bleibt es unerquicklich.

Die Sehnsucht nach Präzision

Vielleicht erklärt das, warum so viele Menschen aufmerksamer beobachtet werden wollen, als sie tatsächlich beobachtet werden. Sie wünschen sich kein Mitleid und keine Schonung. Sie wünschen sich Präzision. Die Möglichkeit, mehr zu sein als der ungünstigste Augenblick ihrer Erscheinung.

Die Bequemlichkeit des Etiketts

Wer andere vorschnell erklärt, spart Zeit. Er ordnet die Welt effizient. Zugleich verliert er Wirklichkeit. Denn Menschen sind in gewisser Weise kompliziert. Sie widersprechen sich, bringen Vorstunden in Gegenwart mit, tragen alte Sätze in neue Begegnungen, wirken stark und sind erschöpft, wirken kühl und sind in Wahrheit überreizt, wirken souverän und fühlen sich längst nicht mehr sicher.

Wie schnell Rollen entstehen

Im Alltag zeigt sich das auf Schritt und Tritt. In Arbeitsgesprächen, Familienkonstellationen, Veranstaltungsräumen, Gemeindesituationen, flüchtigen Begegnungen. Überall wird gelesen, gedeutet, benannt. Das schafft Ordnung und richtet zugleich Schaden an. Denn ein Mensch, der zu früh erklärt wurde, findet sich in einer Rolle wieder, aus der er nur schwer herauskommt.

Ein anderer Begriff von Genauigkeit

Vielleicht braucht es deshalb einen anderen Begriff von Genauigkeit. Einen, der nicht sofort festlegt, sondern noch einen Schritt offen lässt. Einen, der Widerspruch aushält. Einen, der auch dem Unbequemen eine Geschichte zutraut. Wer so liest, wird langsamer urteilen und genauer sehen.

Ein Mensch ist kein fertiger Befund

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir einander etwas seltener in Kategorien übersetzen würden. Weniger „so ist er eben“, weniger „so ist sie halt“, weniger kleine Endgültigkeiten, die das Lebendige aus einer Person vertreiben. Ein Mensch ist kein fertiger Befund. Er ist eine Bewegung.

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